2019-02-08

Das Vorbild eines Beters

Welch ein Segen mit dem Vorbild einer Beterin oder eines Beters verbunden ist, zeigt die folgende bewegende Geschichte. Da er­innert sich der alte Pioniermissionar John Paton (1824—1907) in seiner Autobiografie an sein Elternhaus:

»Unser Haus hatte drei Räume. Der eine war das Territo­rium meiner Mutter und war Küche, Wohn- und Esszimmer zugleich; auch enthielt er zwei große, hohe, luftige Betten mit Umhängen. Das zweite Zimmer, am anderen Ende des Hau­ses, war die Werkstätte meines Vaters, in der fünf oder sechs Strumpfwirkstühle standen, die fleißig in Bewegung die Kauf­leute von Dumfries mit echter, guter Ware versorgten.

Eine dritte Stube, zwischen den beiden gelegen, war klein. Sie hatte nur Platz für ein Bett, einen kleinen Tisch und einen Stuhl. Ein schmales Fensterchen brachte nur wenig Licht.

Dies war das Heiligtum der Hütte. Hierher sahen wir unseren Vater sich mehrmals täglich - gewöhnlich nach jeder Mahl­zeit - zurückziehen. Wir hörten ihn die Tür verriegeln und wir Kinder errieten durch eine Art geistigen Instinkt - denn die Sache war zu heilig, um sie zu besprechen - dass unser Vater dort für uns betete, wie der Hohepriester im Aller­heiligsten. Mitunter hörten wir den ernsten Ton der beweg­ten Stimme, die bat, als ob es unser Leben gelte, und wir lernten es, nur auf den Zehen an dem Zimmerchen vorbei­zuschleichen, um nicht zu stören.

Die übrigen Menschen wussten es wohl nicht, woher die Strahlen von Glück und Freundlichkeit, das liebevolle Lächeln in des Vaters Züge kamen. Wir aber wussten es: Es war der Widerschein der Nähe Gottes, in deren Bewusstsein er stän­dig lebte. Nirgends, weder in Tempeln noch in Domen, weder auf den Höhen der Berge noch in den Tälern, kann ich je die Nähe Gottes mehr empfinden, mehr sein direktes Wirken auf den Menschen fühlen, als es in unserer ärmlichen Hütte der Fall war.

Wenn durch irgendeine undenkbare Katastrophe alles aus meiner Seele und meinem Gedächtnis hinweggeschwemmt würde, was sich auf Religion bezieht, so würden die Gedan­ken doch zu diesen Szenen der frühen Kindheit heimkehrend das Echo der Gebete und des Rufens hören und jeder Zwei­fel würde schwinden mit den Worten: Er ging mit Gott um, warum dürfte ich es nicht auch tun?«


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