2020-04-17

Der Ruf zum Dienst des Herrn (1)

„Da rief der HERR …“ (1. Samuel 3,4)

Niemand kann irgendeinen Dienst für den Herrn aufnehmen, er sei denn von Ihm dazu berufen. Eine vorhandene Not oder auch eine Gelegenheit, die sich bietet, stellen nicht notwendigerweise eine Berufung dar; der Mangel an Arbeitern auf dem Missionsfeld ist beispielsweise unbestreitbar, und es gibt um uns herum zahlreiche Gelegenheiten, dem Herrn zu dienen. Aber diese Feststellung bedeutet an sich noch nicht, dass wir in die Ferne abreisen sollen oder sonst ein Werk zu vollbringen haben. Ebenso ist unser Verlangen zu dienen oder die Ermunterung, die wir von einem Bruder empfangen haben mögen, uns einem gewissen Werk zu widmen - so löblich diese Dinge auch sein mögen -, an sich noch nicht eine Berufung des Herrn. Gleichwohl bedient Er Sich verschiedener Mittel und Instrumente, um uns Seinen Willen zu offenbaren. Es gibt die „guten Werke“ wie diese, welche Gott zuvor bereitet hat für jeden von uns und zu denen Er uns beruft, „damit wir in ihnen wandeln sollen“ (Eph 2,10).

Sein Ruf, immer klar und eindeutig, vermittelt der gehorsamen Seele die intime und tiefe Überzeugung, dass Er sie für einen ganz bestimmten Dienst auserwählt hat. Diese Überzeugung, die durch das Wort bestätigt wird, schafft eine unerschütterliche Sicherheit, die alle Zweifel verjagt und das Herz mit dem Frieden Gottes erfüllt. Aber eine solche Gewissheit wird nicht immer ohne Kampf gewonnen. Es kommt sogar öfter vor, dass sie am Ende eines längeren Weges steht, hin- und hergeworfen durch Befürchtungen, Gegenargumente, Widerstände als Früchte des Unglaubens des natürlichen Herzens.

Das Wort erwähnt mehrere Fälle, wo Gott Männer zu einem besonderen Dienst beruft. Wenn wir uns damit beschäftigen, erkennen wir Grundsätze, die diesen Ruf begleiten, wiewohl Gott immer frei bleibt in der Wahl Seiner Mittel, die Er verwendet, um Sein Werk zu erfüllen.

Zunächst fällt auf, dass der Ruf Gottes in den meisten Fällen überraschend kommt, und zwar gerade in einem Augenblick, wo der Berufene seiner täglichen Arbeit nachgeht. Mose weidete die Herde Jethros, seines Schwiegervaters, am Horeb, als der Engel des Herrn ihm in der Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch erschien und ihn berief, das Volk Israel aus Ägypten zu führen (2. Mo 3). Gideon schlug in Ophra den Weizen in einer Kelter aus, um ihn vor Midian zu schützen (Ri 6,11). David weidete das Kleinvieh seines Vaters, als Samuel ihn zum König über Israel salben sollte, wobei man ihn auf den Feldern suchen musste (1. Sam 16,11-13). Elisa war bei der Arbeit, als Elia auf Geheiß Gottes ihn hieß, ihm zu folgen, um sein Nachfolger als Prophet zu werden (1. Kön 19,9). Amos sagte selbst zu Amazja, dem Priester von Bethel: „Ich war kein Prophet und war kein Prophetensohn, sondern ich war ein Viehhirt und las Maulbeerfeigen. Und der HERR nahm mich hinter dem Kleinvieh weg und die HERR sprach zu mir: Geh hin, weissage meinem Volk Israel.“ (Amos 7,14.15). Petrus, Jakobus und Johannes wuschen ihre Netze, als Jesus sie berief, und Matthäus (oder Levi) saß in seinem Zollhaus (Lk 5,2-11; 5,27).

Man sieht nie, dass Gott Müßiggänger, Träumer oder Arbeitslose beruft, weil sie im Beruf versagt haben. Er beruft vielmehr Männer, die sich in Erfüllung ihrer täglichen Pflichten bewährt haben, und seien es die einfachsten. Leute, die an Disziplin und die vielfachen Verantwortlichkeiten gewöhnt sind, denen diejenigen unterworfen sind, die durch Arbeit ihr Brot verdienen müssen. Mit einem Wort: Sie waren zuerst in der Schule des Herrn und haben sich dort als treu erwiesen, wenn sie auch noch sehr jung waren, wie Jesaja, Jeremia und Timotheus. Verantwortungsbewusstsein und Festigkeit im Charakter sind Früchte des Geistes, die durch eine vorhergehende Tätigkeit gebildet werden und unabdingbar für das Werk des Herrn sind.

Durch die genannten Beispiele erkennen wir noch eine andere Wahrheit: Die Wahl Gottes geschieht nach Kriterien, die sich dem menschlichen Verstand vollständig entziehen. Ein Hirte - Mose - ist berufen, dem Zorn eines heidnischen Monarchen entgegenzutreten und ein zahlreiches Volk von der Sklaverei zu befreien sowie es durch die Wüste zum verheißenen Land zu führen. Ein kleiner, furchtsamer Landwirt - Gideon - ist berufen, eine Armee von 135 000 Soldaten aus dem Lande zu vertreiben und zu vernichten, und das mit nur 300 Männern, die mit einem Krug, einer Fackel und einer Posaune bewaffnet sind. Ein junger Hirte - David - war so unbedeutend in den Augen seiner eigenen Familie, dass sie es unterlassen hatte, ihn zum Opfer einzuladen. So wird er von den Schafherden genommen (Ps 78,70) und als König über Israel gesalbt. Ein einfacher Bauer - Elisa - wird berufen, Nachfolger zu werden von einem der stärksten Propheten aller Zeiten. Noch ein Hirte - Amos - wird von seiner Herde weggenommen und von Gott beauftragt, in Israel zu prophezeien. Drei Fischer verlassen ihre Boote und Netze, um einem Ruf zu folgen, der sie später zu Menschenfischern machen wird. Ein verachteter Zöllner - Matthäus - wird aufgrund der Aufforderung, Jesus zu folgen, ein treuer Jünger, durch den uns eines der vier Evangelien mitgeteilt wurde.

Die Menschen hätten vielleicht geurteilt, dass keiner dieser Berufenen die nötigen Fähigkeiten besessen hätte. Aber „das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen“; in der Wahl derer, die Gott zum Dienst des Herrn beruft, scheint Gott nach demselben Prinzip zu handeln wie bei der Berufung zum Heil: nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle. Und wenn dann doch solche dabei sind, müssen sie wie der Apostel Paulus alles, worin der natürliche Mensch sich rühmen könnte, in den Tod geben, „damit sich vor Gott kein Fleisch rühme“ (s. a. 1. Kor 1,25-31).

M.T.


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