2022-01-18

Ein krasses Paradox – Leben verlieren = Leben retten?! (1)

Jemand hat mal gesagt: Ein Paradox ist eine Wahrheit, die einen Kopfstand macht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Auf den ersten Blick scheint sie keinen Sinn zu ergeben oder sich zu widersprechen. Doch wenn man genauer hinsieht, dann erkennt man, dass eine tiefere Bedeutung dahintersteckt.

In der Bibel gibt es viele sehr interessante Paradoxe, durch die Gott in unser Leben hineinspricht. Eins davon schauen wir uns jetzt mal etwas genauer an. Es fordert unseren Glauben heraus und stellt uns von konkrete Entscheidungen:

Das Paradox lautet: Wir retten unser Leben, indem wir es verlieren. Jesus Christus hat zu Seinen Jüngern gesagt: „Denn wer irgend sein Leben erretten will, wird es verlieren; wer aber irgend sein Leben verlieren wird um meinet- und des Evangeliums willen, wird es erretten“ (Mk 8,35).

Jesus fordert uns durch diese Worte zu kompromissloser Nachfolge auf. Denn Gott möchte in unserem Leben Entschiedenheit und Hingabe sehen. Etwas provokativ ausgedrückt könnte man sagen: Ein halber Christ ist ganzer Unsinn.

6 Mal kommt diese Aussage des Herrn - mit kleinen Abweichungen - in den Evangelien vor. Es gibt glaube ich keine andere Aussage, die von dem Sohn Gottes so oft wiederholt wird. Das zeigt, wie wichtig es für Ihn ist, dass wir nicht nur bekennen, dass wir Christen sind, sondern dass wir Jüngerschaft auch konkret leben.

Der Vers, den wir gelesen haben, ist wie ein Schlüssel, der uns sozusagen das wahre und echte christliche Leben aufschließt. Der Weg des Herrn ging durch Leiden zur Herrlichkeit - und das ist auch der Weg von jedem, der Ihm heute nachfolgen möchte. Jesus ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und Sein Leben zu geben. Er ist nicht gekommen, um es sich hier so schön wie möglich zu machen, sondern Er kam, um den Willen Gottes zu tun und Ihn zu verherrlichen. Genau das sollte auch unser Lebensmotto sein.

Die Worte des Herrn sind radikal - schwarz oder weiß. Das Leben verlieren oder das Leben retten. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie wir unser Leben führen können: Entweder Ich-zentriert oder Christus-zentriert.

Man kann sich dazu entscheiden, ein egozentrisches Leben zu führen, indem man danach strebt, sich selbst zu verwirklichen, reich zu werden, anerkannt zu sein oder sich das Leben so schön wie möglich zu machen. Man trifft Entscheidungen so, dass das Wohlbefinden nicht beeinträchtigt wird und macht Pläne, um möglichst viel zu erleben oder Spaß zu haben. Konzerte, Feiern, Kulturveranstaltungen, Sportevents. Kurz gesagt: Es dreht sich alles nur um das „Ich“ und ein schönes Leben in dieser Welt.

Doch im Licht der Ewigkeit sind das alles vergängliche Dinge. Nichts davon wird man einmal im Himmel wiederfinden. Und wer so lebt, der verliert das wahre, das wahrhaftige Leben, das Gott uns eigentlich schenken möchte. Deshalb schreibt Johannes: „Die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1. Joh 2,16). Am Ende stellt man fest, dass man am Ziel vorbeigelebt hat, weil man nicht für andere, sondern nur für sich selbst gelebt hat und nur auf das Irdische und Zeitliche ausgerichtet war. Das ist ein verlorenes Leben.

Als ein indischer Evangelist einmal mit einem Tibetaner in einem Gebirge durch einen Schneesturm wanderte, sahen sie plötzlich einen Mann, der den Abhang hinuntergestürzt war. Der Evangelist sagte: „Wir müssen hingehen und ihm helfen.“

Der andere Mann antwortete: „Niemand kann von uns verlangen, dass wir uns um ihn bemühen; wir stehen ja selbst in der Gefahr, in diesem Sturm umzukommen.“ Doch der Evangelist blieb bei seiner Entscheidung und sagte: „Wenn wir schon sterben müssen, dann ist es besser, wir sterben im Dienst an anderen.“

Daraufhin wandte der Mann sich ab und ging seines Weges. Aber der Evangelist stieg zu dem verunglückten Mann hinunter, hob ihn mühsam auf meine Schultern und trug ihn langsam den Berg hinauf.

Durch diese Anstrengung wurde der Evangelist, der völlig durchgefroren war, wieder warm, und seine Wärme übertrug sich außerdem auf den Verunglückten, der kurz vor dem Erfrieren war. Dadurch wurden beide vor dem Erfrieren bewahrt.

Nach einiger Zeit fand der Evangelist seinen früheren Begleiter wieder. Er lag im Schnee. Er hatte sich übermüdet irgendwo hingelegt und war dabei erfroren. Durch diese Begebenheit hat der Evangelist die Bedeutung der Worte des Herrn verstanden: „Wer sein Leben lieb hat, wird es verlieren“ (Joh 12,25).

J.P.S.


Artikelreihe: Ein krasses Paradox

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