2021-01-11

Die Opferung Isaaks (3)

„Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast" (1. Mo 22,12).

„Er urteilte, dass Gott vermöge", rechnete aber niemals auf das, was Isaak vermochte. Isaak, ohne Gott, war nichts; Gott, ohne Isaak, war alles. Das ist ein äußerst wichtiger Grundsatz und ein Prüfstein für das Herz, um es bis auf den Grund zu erproben. Nimmt mein Vertrauen ab, wenn der scheinbare Kanal all meiner Segnungen auszutrocknen beginnt? Ober bleibe ich der Hauptquelle nahe genug, um fähig zu sein, mit einem anbetenden Geist alle menschlichen Bäche sich erschöpfen zu sehen? Besitze ich ein so völliges Vertrauen auf die Allgenügsamkeit Gottes, dass ich imstande bin, gleichsam auch „meine Hand auszustrecken, das Messer zu nehmen, um meinen Sohn zu schlachten"? Abraham war dazu befähigt, weil sein Auge auf dem Gott der Auferstehung ruhte, „weil er urteilte, dass Gott auch aus den Toten zu erwecken vermöge" (Heb 11,17.19).

Mit einem Wort, er hatte es mit Gott zu tun; und das war genug. Gott erlaubte nicht, dass er den Todesstoß ausführte. Er war bis an die äußersten Grenzen gegangen; der Gott der Gnade konnte ihn nicht darüber hinausgehen lassen. Gott ersparte dem Herzen des Vaters den Schmerz, den er sich selbst nicht erspart hat, indem Er den eigenen Sohn in den Tod gab. Er ging, gepriesen sei sein Name! Über die äußersten Grenzen hinaus. „Er hat seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben" (Röm 8,32). Keine Stimme kam von Himmel, als der Vater seinen eingeborenen Sohn auf Golgatha opferte. Nein, das Opfer wurde völlig vollbracht, und in seiner Vollendung ist unser ewiger Friede besiegelt worden.

Nichtsdestoweniger wurde die Ergebenheit Abrahams völlig erwiesen und völlig angenommen. „Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast" (1. Mo 22,12). Beachten wir, dass Gott sagt: „Nun weiß ich". Bis dahin war der Beweis nicht geliefert worden. Der Glaube war da, und Gott wusste es; aber der wichtige Punkt ist hier, dass Gott sein Erkennen dieses Glaubens auf den handgreiflichen Beweis gründet, welchen Abraham auf dem Berge Morija erbracht hatte.

Der Glaube erweist sich stets durch seine Tätigkeit, und die Furcht Gottes durch die Früchte, welche aus ihr hervorwachsen. „Ist nicht Abraham, unser Vater, aus Werken gerechtfertigt worden, da er Isaak, seinen Sohn auf dem Altar opferte?" (Jak 2,21). Wer würde es wagen, seinen Glauben in Zweifel zu ziehen? Man nehme den Glauben hinweg, und Abraham erscheint auf dem Berge Morija als ein Mörder und ein Unsinniger. Man bringe den Glauben in Rechnung, und er steht vor unserer Seele als ein treuer, demütiger Anbeter, als ein gottesfürchtiger und gerechtfertigter Mensch. Aber der Glaube muss erwiesen sein.

„Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber nicht Werke?" (Jak 2, 14). Ein Bekenntnis ohne Kraft und Früchte genügt weder Gott noch Menschen. Gott sucht Wirklichkeit, und Er ehrt sie, wo Er sie findet; und was den Menschen betrifft, so kann er nur die lebendige und einsichtsvolle Äußerung eines Glaubens verstehen, der sich durch Werke kundgibt. Wir leben in einer Atmosphäre der Religionsbekenntnisse; die Sprache des Glaubens ist auf aller Lippen; aber der Glaube selbst, der einen Menschen fähig macht, von dem Gestade der gegenwärtigen Umstände abzustoßen, dem Winde und den Wellen zu trotzen und ihnen selbst dann die Spitze zu bieten, wenn der Herr eingeschlafen zu sein scheint - dieser Glaube ist eine Perle, so selten wie je.

C.H.M.


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