Der Vers, der Martin Luther in die Freiheit führte
“Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben” (Hab 2,4).
Das bedeutet: Während wir auf die Erfüllung der Zusage Gottes warten, vertrauen wir dem Herrn. Wir nehmen Ihn beim Wort. Wir klammern uns im Glauben an Seine Verheißung - auch wenn wir im Augenblick noch durch schwere Zeiten gehen. Aber der Glaube bewältigt ungelöste oder scheinbar unlösbare Probleme, weil er mit dem lebendigen Gott rechnet!
Und das Interessante ist: Diese wunderbare Zusage wird im Neuen Testament genau dreimal zitiert. Jedes Mal mit einem anderen Fokus. Und jedes Mal mit einer ganz zentralen Bedeutung für unser Glaubensleben.
Die erste Stelle ist im Römerbrief. Also in dem Brief, wo Paulus das Evangelium Gottes erklärt. Wo es darum geht, dass alle Menschen gesündigt haben und nicht die Herrlichkeit Gottes erreichen. Wo ausdrücklich gesagt wird: „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer“ (Röm 3,10).
Und die große Frage, um die es im ersten Teil des Briefes geht, ist: „Wie kann ein Mensch vor Gott gerecht werden?“ Oder auch: „Wie kann Gott Menschen gerecht sprechen, ohne dabei ungerecht zu handeln?“
Paulus geht diesen Fragen wirklich mit juristischer Präzision auf den Grund. Und er schickt das Ergebnis schon im ersten Kapitel vorweg, wo er schreibt: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen” (Röm 1,16).
Paulus ist regelrecht begeistert von der Botschaft des Evangeliums. Und das mit Sicherheit auch deshalb, weil er selbst in seinem eigenen Leben die verwandelnde Kraft des Evangeliums erlebt hat. Durch die göttliche Kraft des Evangelium wurde der größte der Sünder überwältigt und zur Buße geführt. Der Verfolger der Gemeinde wurde zu einem großartigen Diener Gottes. Ein Mann, der wahrscheinlich 14 Briefe des Neuen Testaments geschrieben hat.
Das Evangelium bringt Menschen aus der Dunkelheit ans Licht. Vom Weg in die Hölle auf den Weg, der zum Himmel führt. Es führt uns vom ewigen Tod zum ewigen Leben. Von der Sklaverei Satans zu der Freiheit der Söhne Gottes. So ein geistliches Dynamit steckt da drin.
Aber dann geht Paulus noch einen Schritt weiter. Denn direkt im Anschluss gibt er noch einen weiteren Grund, warum er so begeistert vom Evangelium ist. Und da geht es um den Inhalt der Botschaft: “Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.“ (Röm 1,17)
Eigentlich hätte man erwartet, dass es heißen müsste: „Denn die Liebe oder die Gnade Gottes wird darin offenbart.“ Aber Paulus sagt, dass gerade die Gerechtigkeit Gottes das Zentrum des Evangeliums ist.
Genau diese Aussage hat das Leben von Martin Luther komplett auf den Kopf gestellt. Er war ja vor seiner Bekehrung ein katholischer Mönch. Jemand, der dachte, dass er sich durch Askese und gute Werke irgendwie den Himmel verdienen könnte. Aber dabei ist er fast verzweifelt, weil er gemerkt hat, dass er ein sündiger Mensch ist. Dass die Sünde in ihm lebt. Dass er sich selbst nicht verbessern kann. Und dass er weit hinter den Anforderungen Gottes zurückbleibt.
Luther hat die Gerechtigkeit Gottes vor seiner Bekehrung immer als Bedrohung für sich gesehen. Als eine fordernde Gerechtigkeit. Als eine Gerechtigkeit, die ihn verdammen muss, weil er ein Sünder ist. Und das ging so bis zu dem Tag, als Gott ihm auf von einem Augenblick auf den anderen die Augen geöffnet hat.
Da hat Luther beim Lesen von Römer 1,17 plötzlich etwas ganz neues gesehen. Nämlich, dass die Gerechtigkeit Gottes in diesem Vers ihn überhaupt nicht verdammt. Im Gegenteil!
Er hat erkannt, dass Gott eine gerechte Grundlage geschaffen hat, auf der Er jetzt gerecht handelt, wenn Er Menschen für gerecht erklärt. Und diese gerechte Grundlage - diese göttliche Gerechtigkeit - ist das Kreuz von Golgatha.
Denn dort wurde das gerechte Urteil Gottes über die Sünde an Jesus Christus vollzogen, dem Sohn Gottes. Er wurde mit fremder Schuld beladen und dafür bestraft. Er hat das schonungslose Gericht Gottes auf sich genommen. Über sich ergehen lassen - der Gerechte für die Ungerechten.
Und diese Gerechtigkeit Gottes, die dort am Kreuz geschehen ist, die ist jetzt ein Gegenstand des Glaubens. Sie kann im Glauben erfasst werden. Sie kann im Glauben in Anspruch genommen werden. Und das geschieht, wenn man glaubt, dass Christus auch für meine Schuld am Kreuz bestraft wurde. Dass auch meine Schuld in gerechter Weise an Ihm gerichtet worden ist.
Paulus schreibt in Römer 3,26, dass Gottes Gerechtigkeit sich jetzt genau darin zeigt, dass er gerecht ist, indem Er den für gerecht erklärt, der an Jesus glaubt. Das heißt: Jedes Mal, wenn Gott das tut, jedes Mal wenn Er einem Christen Gnade zeigt, dann handelt Er gerecht.
Warum? Weil Gott Sünde nicht zweimal richtet. Und da Christus bereits für die Sünden der Gläubigen, der Gerechten, bestraft worden ist, sind wir hinter der Gerechtigkeit Gottes in Sicherheit. Wir können uns sogar über die Gerechtigkeit Gottes freuen.
Denn sie richtet sich nicht wie ein drohendes, forderndes Schwert gegen uns. Sie ist für uns viel mehr wie ein Schild, der uns schützt. Der uns Sicherheit gibt.
Wenn wir also die Gerechtigkeit Gottes, die durch Christus im Blick auf unsere Sünden geschehen ist im Glauben in Anspruch nehmen, dann erklärt Gott uns für gerecht. Und dann gilt: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“ (Röm 1,17).
Der Glaube ist also das Mittel, durch das wir die Rechtfertigung bekommen. Und zwar als ein freies Geschenk der Gnade Gottes. So das jetzt die Gnade regiert auf der Grundlage von Gerechtigkeit zum ewigen Leben wie es am Ende von Römer 5 heißt.
Es ist einfach nur genial, wie das alles zusammenpasst - und das sich die Gerechtigkeit Gottes gerade im Evangelium so wunderbar zeigt. Das sie die Grundlage für unser Leben ist!
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