2018-06-20

Das Lamm lehrt dich lieben

„Wie er hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende“ (Joh 13,1).

Wie hat der Sohn Gottes geliebt? Er hat die Seinen mehr geliebt als sich selbst. Und das ist eigentlich „die Liebe Christi“. Die Liebe, die aus der Natur kommt, liebt nach ihrer Neigung; die Liebe, die im Gesetz geboten ist, liebt, weil Gott es will; sie liebt aus Pflicht und liebt den Nächsten wie sich selbst (Lk 10,27); aber die Liebe Christi liebt andere mehr als sich selbst (1.Joh 3,16).

O wie weit sind wir noch zurück! Schon manchmal haben wir angefangen zu lieben, und wir sind wohl schnell mit unse­rer Liebe zu Ende gekommen. Aber wir haben nicht bis ans Ende geliebt! In seiner Schule lernen wir allein das rechte Lieben; da lernen wir göttlich lieben, lieben mit der Liebe, die in seinem Herzen ist. Es gibt kein Gebiet, auf dem so viel gesündigt wird wie gerade auf diesem. Man kann mit Haß nicht so viel verderben wie mit falscher Liebe. Man braucht die Stirn wie ein Kieselstein (Jes 50) nicht für seine Feinde, sondern für seine Freunde. Am Ende haben uns unsere Feinde nicht so viel geschadet wie unsere sogenannten guten Freunde. Und wünschen wir, dass unser innerer Mensch wachse und gedeihe, so müssen wir da einmal eine Untersuchung anstellen und eine Reinigung vornehmen. Im Kapitel der Liebe heißt es: „Die Liebe freut sich der Wahrheit.“

Liebe ist Wahrheit! Die Liebe hat bei dem Nächsten das Ewige im Auge, und darauf weist sie mit Zartheit hin, mit Ernst und, wenn es sein muss, mit Gewalt. Fleischliche Liebe ist blind; aber göttliche Liebe hat ein helles Auge für die Wahrheit. Fleischliche Liebe liebt, um wieder geliebt zu werden; wahre Liebe liebt, ohne einen Dank zu erwarten. Sie denkt nicht daran, was für sie dabei herauskomme, sondern was für ihren Herrn herauswachse.

Wahre Liebe sucht bei Jesus nur ihn und bei Menschen nur ihre unsterblichen Seelen, nicht ihre Anerkennung, noch viel weniger ihr Geld. Liebe ist Hingabe! Sie liebt bis in den Tod, und wenn man sie mit ihrem Meister ans Kreuz bringt. Fleischliche Liebe liebt auch bis in den Tod, aber nicht in den Tod Christi hinein, sondern in den geistlichen Tod. Wie manche Freundschaft führte in den geistlichen Tod hinein, brachte Wunden, die das ganze Leben hindurch nicht mehr heilen wollten. Da hat man aus Liebe alles einander gesagt, alles miteinander besprochen; man konnte nicht leben, wenn man einander an einem Tag nicht gesehen hatte. Und siehe, nach Jahren schlug die brennende Liebe in bitteren Haß um. Fleischliche Liebe mündet immer in Haß. - Wir verstehen unter fleischlicher Liebe nicht sinnli­che Liebe, sondern falsche Liebe unter den Frommen.

Gott in seiner Gnade lässt es zu, dass eines Tages ein Platzregen von bitteren, ungerechten Vorwürfen kommt und ein eisiger, liebloser Nordwind an das Liebesgebäude stößt; das morsche Gebäude fällt dann ein und tut einen großen Fall, den man weithin hört. Wo man göttlich zu lieben aufhört, da fangen Ungerechtigkeit, Verwirrung und Tod an. Göttlich lieben lernt man nur in der Schule des Lammes.

Liebe ist Gehorsam! Wann und wie liebe ich göttlich? ist für viele die brennende Frage. In 1. Johannes 5,2 ist uns eine treffende Antwort gegeben: „Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Ge­bote halten.“ Wer Gott liebt, liebt andere zu Gott hin, nicht zu sich. Johannes freute sich, als seine Jünger ihn verließen und Jesus nachfolgten. Warum? Er liebte Jesus! Wer in Gottes Geboten wandelt, der liebt; denn er zieht durch seinen Gehorsam seine Brüder und Schwestern in Gottes Wege hinein, und das ist wahrhaftige Liebe. Und solche Liebe siegt zuletzt und wird anerkannt, auch wenn sie ihr Leben lang als Härte verschrien wurde.

Jede Freundschaft, die nicht auf demselben Boden steht, ist Feindschaft. Überhaupt ist Freundschaftpflegen einer der schwierigsten Punkte. Da braucht es viel Gnade und Wahrheit von oben. Die wenigsten können wie jener Kirchenvater von sich und seinem Freunde sagen: „Wir kannten nur zwei Wege, einen zur Kirche und den anderen zu den Lehrern der Kirche; wir spra­chen nur über zwei Dinge, über Gott und über sein Wort.“

Liebe ist Leben! Ohne Liebe lebt man nicht. Wenn unser Geist zu erkennen geschaffen ist, so ist unser Herz um zu lieben geschaffen. Unser Herz ist ebenso für die Liebe gemacht wie der Vogel für den Flug. Liebe ist der Anfang und das Ende unseres Lebens. Liebe ist die größte Macht. Nur solange wir lieben, leben wir. Nur wo die Liebe erwacht, stirbt das Ich, der finstere Despot. Liebe ist das Band der Vollkommenheit. Liebe umfaßt alles - selbst Gott. Liebe ist das einzige Gebot, das der Herr den Seinen gegeben hat. Liebe ist das Kennzeichen der Wiedergeburt und der Beweis der Echtheit unseres Glaubens.

Liebe ist die Frucht des Geistes und der Ersatz für die persönliche Gegenwart Jesu. Woher kommt die Liebesarmut unter den Kindern Gottes? Von der Geistesarmut! Wie bekommen wir mehr Geist? Wenn wir anfangen, mehr zu lieben. Dann ist der dreieinige Gott auf unserer Seite. Denn er ist ja vor allem der Gott der Liebe. Ziehet an als die Auserwählten Gottes herzliches Erbarmen! Zieh Erbarmen an, und es wird dir sein, als ob du mit Feierkleidern ange­tan, mit Freudenwein getränkt und mit Himmelsfrieden gelabt wärest, als ob deine Füße Hirschfüße und deine Arme Simonsarme wären.

War wohl der barmherzige Samariter ein glücklicher oder ein unglücklicher Mann? Wer hat wohl an jenem Abend die Müdigkeit am meisten gespürt, der Priester oder der Samariter? Wer war wohl der Glücklichere, der den Groschen hergab oder der ihn in der Tasche behielt? O ihr armen Kinder Gottes, die ihr immer dasteht und auf Kraft von oben wartet, nach tieferem Frieden und nach völligerer Freude fragt! Fangt an zu lieben, und ihr fangt an zu leben. Die Korinther wollten gerne etwas Außerordentliches sein, und da zeigt ihnen Paulus einen außerordentlichen Weg, und der heißt:

„Die Liebe erträgt alles!“

„Sie glaubt alles!“

„Sie hofft alles!“

„Sie duldet alles!“

Nicht einiges, sondern alles! Wer wollte sagen, dass dies nicht etwas Außerordentliches sei! Und dazu haben wir alle Gelegenheit. Der Glaube ist der Anfang und die Liebe das Ziel des Lebens. Beide stammen aus Gott und führen zu Gott. Gott hat uns so viel Gelegenheit gegeben, glücklich zu sein, weil er uns so viel Gelegenheit gegeben hat, zu lie­ben. Alles, was auf unsere Liebe Anspruch macht, will unser Glück vermehren. Komm, lass uns zu dem Lamm in die Schule gehen, dass wir lernen, was Liebe ist! Lass uns ihn heute zu unserer Leuchte setzen, der liebte bis ans Ende! Liebe führt zum Leiden! (Joh 13,31) Ihn brachte seine Liebe ans Kreuz. Darum kann nur lieben, wer leiden kann. Solange wir einen Dank erwarten für unsere Liebe, lieben wir nicht aus reinem Herzen.

G.St.


Artikelreihe: Der Weg dem Lamme nach

Das Lamm lehrt dich dienen Ein geebneter Weg

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