2015-11-28

… sich selbst für mich hingegeben!

„Ich bin mit Christo gekreuzigt, (und) nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleische, lebe ich durch Glauben, (durch) den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Galater 2,20).

Paulus erklärt, auf welche Weise er dem Gesetz gestorben ist. Er ist mit Christus gekreuzigt. Christus ist als sein Stellvertreter auf Golgatha gekreuzigt worden. Er konnte als einziger den Fluch des Gesetzes und den Tod freiwillig auf sich nehmen, denn der Tod hatte keine Macht, Ihn zu halten (Apg 2,24.27). So wurde Er unserer Übertretungen wegen von Gott in den Tod am Kreuz hingegeben und am dritten Tage unserer Rechtfertigung wegen auferweckt (Römer 4,25). Paulus hatte anerkannt, dass er nach dem Urteil Gottes den ewigen Tod verdient hatte. Aber er hatte durch die Gnade auch geglaubt, dass Christus stellvertretend für ihn am Kreuz gestorben war. Es handelt sich hier nicht um den Tod Christi unter dem Gericht Gottes für die Sünde, sondern um das Kreuzigen und Ausziehen des alten Menschen, des Fleisches, mit Christus. So war Paulus mit Christus gekreuzigt. „Mit-gekreuzigt“ wurden in den Evangelien die beiden Verbrecher, die links und rechts von dem Herrn hingen (Mt 27,44; Mk 15,32; Joh 19,32), aber im übertragenen Sinn wird das gleiche Wort in Römer 6,6 gebraucht, wenn es heißt, „dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist .... dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (vergl. hierzu Gal 5,24; 6,14; Kol 2,14).

Das Ergebnis dieser Einsmachung mit Christus ist, wie Paulus in seiner Erklärung fortfährt: „Und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“, oder, wie man auch übersetzen kann: „Aber ich lebe, nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“ Wie jeder sehen konnte, lebte Paulus noch! Er war jedoch nicht mehr der alte Saulus von Tarsus. Er hatte das Gericht Gottes über die Sünde im Fleische, die durch das Gesetz erst so recht zum Vorschein gekommen war, anerkannt. Durch Glauben war er mit Christus einsgemacht in der Gleichheit Seines Todes und Seiner Auferstehung. Nun lebte er zwar noch als Person „Paulus“ auf der Erde, aber nicht mehr als der alte Saulus, sondern als ein neuer Mensch, der mit Christus lebendiggemacht war zu neuem Leben und mitauferweckt war zu ewigem Leben in der Auferstehungswelt. Dieses Leben ist Christus selbst (Kol 3,4).

Diese herrlichen Heilswahrheiten werden ausführlich in anderen Schriften des Neuen Testaments gelehrt (z. B. im Evangelium nach Johannes und in den Briefen an die Epheser und die Kolosser). Hier heißt es nur: „Christus lebt in mir.“ Christus und Sein Leben kann der Tod nicht antasten. Dieses Leben hat seinen Ursprung und sein Ziel im Himmel, und dort kommt es in Vollkommenheit zur Entfaltung. Dieses Leben ist nicht natürlich, sondern geistlich, und daher konnte es Menschen erst nach dem Tod und der Auferstehung Christi mitgeteilt werden (Joh 20,22).

Dieser Wechsel im Leben des Apostels kommt in dem Wort „ich“ zum Ausdruck, das hier drei verschiedene Bedeutungen hat.

„Ich bin mit Christo gekreuzigt“: das ist der alte Mensch, Saulus im Fleische der Sünde.

„Auf dass ich Gott lebe“ (V. 19): das ist der neue Mensch, von Gott geschaffen.

„Was ich aber jetzt lebe im Fleische“: das ist die verantwortliche Person, der Mensch auf der Erde, in dem dieser göttliche Wechsel vollzogen ist.

Das alte „Ich“ ist vor Gott richterlich beseitigt worden, aber es ist noch in dem Menschen vorhanden, solange er auf der Erde lebt. Aber da ist auch das neue „ich“, der neue Mensch. Der Gläubige befindet sich also, solange er auf der Erde ist, in einem „gemischten Zustand“; er besitzt noch den Leib von Fleisch und Blut, aber er hat auch Christus als sein Leben.

Der Ausdruck "im Fleische" bedeutet hier nicht dasselbe wie z.B. in Römer 7,5: „Als wir im Fleische waren“, oder in Römer 8,9: „Die, welche im Fleische sind, vermögen Gott nicht zu gefallen. Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geist, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt.“ Damit ist der alte Zustand des nicht wiedergeborenen Menschen gemeint. In unserem Vers wird jedoch an das irdische Leben des Glaubenden gedacht (so auch Phil 1,22; 2. Kor 10,3). Das hört auf, wenn der Herr kommt, um die Seinigen in die Herrlichkeit aufzunehmen. Daher heisst es hier auch „jetzt“, einmal im Gegensatz zu dem früheren Zustand der Sünde, aber auch im Unterschied zu dem Augenblick, wo der Herr unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit (Phil 3,21).

Hier auf Erden lebt der Christ also in der ständigen Spannung zwischen dem alten und dem neuen „Ich“, den alten Gewohnheiten und dem neuen Leben aus Gott, dem Fleisch und dem Geist. Aber soll er nun das Alte bekämpfen, wie es viele Kinder Gottes tun und dadurch immer wieder enttäuscht werden? Nein, denn der alte Mensch ist ja gekreuzigt und gestorben, ausgezogen (Röm 6,6; Eph 4,22; Kol 3,9).

Das Kennzeichen des Christen ist der Glaube, das ständige Vertrauen auf Gott und die Abhängigkeit von Ihm. Er weiß, er ist mit Christus gekreuzigt und kann sich selbst der Sünde und dem Gesetz für tot, Gott aber lebend in Christo halten, denn Christus lebt in ihm. Das ist eine ganz persönliche, täglich neu zu praktizierende Angelegenheit. Grundsätzlich trifft es zwar auf jeden Glaubenden zu, praktisch erlebt es jedoch nur der, der sich im Glauben täglich Gott übergibt. Nicht das Gesetz (oder eine gesetzliche Lebensweise), sondern der Glaube an den Sohn Gottes ist die beständig notwendige, aber auch vorhandene Kraft des Christen.

Dieser Glaube - damit ist also nicht der errettende Glaube gemeint - blickt täglich neu auf den Sohn Gottes. Wörtlich heißt es hier: „... durch Glauben (oder: in der Kraft des Glaubens, griech. en pistei), den des Sohnes Gottes.“ Es ist der Genitivus objectivus, der den Gegenstand des Glaubens angibt (so auch in Röm 3, 22. 26). Gott allein ist der Gegenstand des Glaubens und der Verehrung der Menschen (5. Mo 6,4-5.13; 10,12.20; Hebr 11,6). Dass Gott ein dreieiniger Gott ist, wurde erst im Neuen Testament, nachdem der Sohn auf die Erde gekommen war, geoffenbart (vgl. Mt 3, 16-17 ; 28,19). Vater, Sohn und Heiliger Geist sind gleicherweise ewiger Gott, eins im Wesen und im Tun. Der Sohn Gottes ist ebenso ewig wie der Vater und der Heilige Geist (Röm 9,5 ; 1. Joh 5,20). Im Blick auf die ewige Gottheit deutet der Name "Sohn" die innige Beziehung der Liebe und des Eins-seins zwischen dem Vater und dem Sohne an, niemals eine zeitliche oder stellungsmäßige Abhängigkeit.

Weil Er der ewige Sohn war, konnte Er als Mensch auf Erden den Vater offenbaren, denn der Sohn war der einzige, der Ihn als Vater von Ewigkeit kannte (Joh 1,18-, 14,9). Aber Er war auch als Mensch, geboren von einem Weibe, der Sohn Gottes. „Darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35-, vergl. Ps 2,7). Als Gott, der Sohn, der ewige Sohn des Vaters, ist Er der Eingeborene (Joh 1,14.18; 3,16.18; 1. Joh 4,9), der Einzige Seiner Art; als der auf Erden geborene, gestorbene, auferstandene und verherrlichte Sohn ist Er der Erstgeborene (Kol 1,15.18; Röm 8,29), d.h. Derjenige, der in allen Dingen den Vorrang hat.

Nur wenn wir diese Einzigartigkeit und Erhabenheit des Sohnes Gottes erkennen, kommt uns auch die gewaltige Größe der Gnade und Liebe Dessen zum Bewusstsein, von dem Paulus dann sagt: „Der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ Nur der kann mit dem Apostel in Epheser 5,2 und 25 sprechen: „Der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat“, und: „Der die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat“, der zunächst aus ganz persönlichem Glaubenserleben heraus sagen konnte: „Der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“

Wir lesen mehrfach im Neuen Testament, dass Gott die Welt und die Menschen darin geliebt hat (Joh 3,16; Tit 3,4), aber bis auf eine Ausnahme (Mk 10,21) nirgendwo von dem Herrn Jesus. Seine Liebe war immer auf diejenigen gerichtet, die an Ihn glauben würden. Das kommt besonders in dem Gleichnis von dem Kaufmann, der kostbare Perlen suchte, zum Ausdruck (Mt 13,45-46). Der Kaufmann ist der Herr Jesus, dessen ganzes Interesse nur der einen sehr kostbaren Perle (ein Bild der Versammlung Gottes) galt. Der Kaufmann war bereit, alles was er hatte, zu verkaufen, um sie zu besitzen. Aber der Sohn Gottes tat noch mehr: Er gab sich selbst für uns hin. Mehr konnte Er nicht geben!

Es ist erstaunlich und beachtenswert zu sehen, welche Rolle das Wort "hingeben" (griech. paradidomi = überliefern, hingeben) bei dem Erlösungswerk spielt. Judas überlieferte den Herrn den Hohenpriestern und Schriftgelehrten (Joh 18,2), diese überlieferten Ihn dem Pilatus (Mt 27,2), der Ihn wiederum überlieferte, damit Er gekreuzigt würde (Mt 27,26). Auch wurde Er von Gott für uns alle hingegeben (Röm 4,25; 8,32), aber das Höchste ist doch, dass Er sich selbst hingegeben hat.

Er, der Schöpfer und Erhalter aller Dinge, nahm den Platz eines Geschöpfs ein und erniedrigte sich so tief, dass Er gehorsam wurde bis zum Tode am Kreuze, dem schmählichsten Verbrechertod. „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst“ (Joh 10,18). Wie vollkommen stimmen damit die kurzen, inhaltsschweren Worte überein. „Und er neigte das Haupt und übergab (griech. paradidömi) den Geist“ (Joh 19,30). Anbetungswürdige Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart!*

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* In den genannten sieben Stellen steht dasselbe griech. Wort paradidömi. Es kommt im Zusammenhang mit den Leiden des Herrn im Neuen Testament insgesamt 65 mal vor!

A.R.

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